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Sächsische Textilkunst für historische Potsdamer Straßenbahn - Linder-Wagen Nr. 9 ist nun komplett

Für den Verein “Historische Straßenbahn Potsdam e.V.” fertigte die Cammann Gobelin Manufaktur originalgetreue Sitz-Überwürfe

 

Potsdam / Hohenstein-Ernstthal / Chemnitz | Der in den vergangenen Jahren mit viel Liebe zum Detail rekonstruierte Lindner-Triebwagen Nr. 9 der Potsdamer Straßenbahn aus dem Jahr 1907 ist nun komplett - und obendrein so richtig „gemütlich“:  Am 9. September 2016 übergaben Peggy Wunderlich und Torsten Bäz, die Inhaber der in Sachsen ansässigen Cammann Gobelin Manufaktur, die originalgetreu nachempfundene textile Innenausstattung an den Verein Historischen Straßenbahn Potsdam e. V.; anschließend gab es eine von Journalisten begleitete Sonderfahrt durch die Stadt.

Übergabe Sitzbezüge Lindnerwagen
Groß ist die Freude bei allen Beteiligten. Die Sitz-Überhänge waren ein lang gehegter Traum des Vereins Historische Straßenbahn Potsdam.

In aufwändiger Arbeit entstanden sind rot-goldene Überwürfe mit dem eingewebten Bildmotiv des Märkischen Adlers aus dem Potsdamer Stadtwappen. Derartige Decken zierten einst zu besonderen Anlässen die Holzbänke der ersten Generation von elektrischen Straßenbahnen und kamen zudem an kalten Tagen zum Einsatz. Der Potsdamer Verein hat seit 2008 insgesamt 391.000 EUR gesammelt, um den historischen Triebwagen fahrtüchtig machen und in altem Glanz erstrahlen lassen zu können; rund 11.000 Euro davon entfallen auf die textile Ausstattung.

Rekonstruierte Sitzbezüge im historischen Straßenbahnwagen
Was bisher nur auf schwarz-weißen Archivfotos zu sehen war, ist nun wieder in bunter Pracht zu bestaunen: die Sitz-Überwürfe des Linder-Wagens wurden rekonstruiert.

„Wir wussten, dass die Cammann Gobelin Manufaktur in Potsdam schon Repliken für das Potsdamer Schlosstheater hergestellt hatte und über das nötige Know-how verfügt. Im April vorigen Jahres haben wir den Auftrag erteilt und sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden“, berichtet Vereinsvorstand Ivo Köhler. „Vor allem hat uns gefreut, mit welchem Engagement die Textilexperten aus Sachsen zu Werke gingen. Mehrmals sind sie zu uns gekommen, um alle erforderlichen Einzelheiten abzuklären und schließlich ihre Stoffproben zu präsentieren“ 

 

Als Vorlage für die luxuriös anmutenden Überwurf-Decken existierte lediglich ein Glasplatten-Foto in Schwarz-Weiß des von der Fa. Lindner in Ammendorf bei Halle gebauten Wagens, für den die Siemens-Schuckert-Werke, Berlin, die Antriebstechnik lieferten.

 

„Wir haben uns mit Historikern und Denkmalschützern konsultiert und sind uns gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern sicher, dass wir hinsichtlich Optik und Haptik das Erscheinungsbild der damaligen Zeit getroffen haben“, erläutert Cammann-Geschäftsführer Torsten Bäz. Seine Partnerin Peggy Wunderlich ergänzt: „Doch es kommt ja bei einem solchen Gebrauchsgegenstand heutzutage vor allem auf hohe Funktionalität an. Deshalb haben wir zunächst mit unterschiedlichen Garnen experimentiert sowie verschiedene Materialkombinationen und Bindungsbilder ausprobiert. Jetzt können wir sagen, dass unser Jaquard-Gewebe für den Wagen Nr. 9 vergleichbar ist mit Hightech-Stoffen, mit denen moderne Auto- oder Flugzeugsitze bezogen werden. Die unter anderem von uns verwendete Polyamid-Chenille ist angenehm flauschig und wenig schmutzempfindlich.“ 

 

Auf der Unterseite sind die Sitz-Überwürfe mit einem Schaumstoff kaschiert, damit sie auf den glatt lackierten Holzleisten nicht rutschen. Die anspruchsvolle Konfektionierung der Gewebeteile, die Kaschierungen, die Borteneinfassungen sowie die Herstellung der zum Fixieren der Stoff-Überwürfe dienenden Lederriemen an den Sitzlehnen oblag dem Team des Raumausstatters Thomas Weichelt, Dresden. Die Zulieferung der passenden Borten und Schnüre übernahm die Jende Posamenten Manufaktur Forst GmbH, sich in der Tradition der Theodor Wagler AG, ehemaliger Königl. Preußischer Hoflieferant, sieht.

 

Die Cammann Gobelin Manufaktur besteht seit 130 Jahren. Nach wie vor produziert das 1886 von Paul Cammann in Chemnitz gegründete Unternehmen schwere Möbelstoffe und Wanddekorationen auf traditioneller Jacquard-Webtechnik für anspruchsvolle Kundschaft weltweit. Schon Bauhaus-Gründer Walter Gropius bestellte bei Cammann, ebenso Konrad Adenauer, der Moskauer Kreml oder die NCL-Reederei für ihren Luxusliner „Pride of America“. Auch Theater-Vorhänge in der Staatsoper Berlin und im Leipziger Opernhaus zeugen vom Können der sächsischen Weber. Das “Muster-Gedächtnis” der Manufaktur ist auf historischen Lochkarten gespeichert; u. a. befinden sich Entwürfe von Henry van de Velde (1863 – 1957) im Archiv. Einmalig in Deutschland ist die Fähigkeit, per Hand kolorierte Gobelins zu fertigen. Produktionsstandort ist Niederwiesa / OT Braunsdorf bei Chemnitz; Firmensitz im juristischen Sinne Hohenstein-Ernstthal.

 

Die Manufaktur wechselte mehrmals ihren Besitzer. 2014 erwarb der damalige Dresdner Torsten Bäz (51) mit seiner aus dem sächsischen Waldenburg stammenden Lebenspartnerin Peggy Wunderlich (33) das Unternehmen.  „Damit hat dieses Juwel deutscher Textiltradition eine Zukunft“, betont Bertram Höfer, Hauptgeschäftsführer des in Chemnitz ansässigen Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. (vti): „Wie der jüngste Auftrag aus Potsdam zeigt, gibt es durchaus einen Markt für diese ganz spezielle Art von Heimtextilien.“